Marc Kissóczy stammt aus einem Elternhaus, wo Musik drin war – die Musik
war einfach da, wie er sagte. Sein Grossvater war Geiger und hat ihm
später einen Schrank voller Noten – auch heutzutage selten zu findende -
vermacht. Marc Kissóczy hat sich spät dazu entschieden, das
Konservatorium zu machen. Seine Lehrer waren Anton Fitz, sowie Martin
und Ueli Lehmann und das Diplom hat er schliesslich mit Auszeichnung
erhalten. Marc Kissóczy hat keine solistischen Ambitionen gehabt, ihn
hat vielmehr das gemeinsame Musizieren interessiert. Zum Orchester kam
er zufällig, als das Sinfonieorchester Basel einen „Zuzüger“ brauchte
und Marc innerhalb von zwei Stunden bereit sein musste. Auch zum
Dirigenten mit Anfang 20 ist Marc Kissóczy eher zufällig gekommen: man
rutscht da rein, wie er sagte. Auf die Frage, was es braucht, um ein
Orchester zu dirigieren, antwortete Kissóczy: ein grosses Rückgrat und
die Sicht von innen – was Kissóczy als Geiger, der das Repertoire kennt,
natürlich mitbringt. Trotzdem ist es als junger Dirigent nicht einfach,
die volle Anerkennung zu erhalten.
Welches ist Ihre Taktik?
Auf die Frage, welche Art resp. welche Taktik Marc Kissóczy bei einem
neuen Orchester anwendet, antwortete er: es kommt sehr auf die Kultur
an. Sein Rezept lautet: Orchestermusiker sollen sich respektiert fühlen.
Und Fachkompetenz sowie Effizienz in den Proben sind etwas vom
Wichtigsten.
Wie kann man eine Partitur lesen? Worauf achten Sie beim Dirigieren?
Es ist wichtig, sich mit dem Umfeld des Komponisten, seinem privaten wie
auch dem politischen, auseinanderzusetzen – und das braucht Zeit, wie
Kissóczy betonte.
Dann muss er als Dirigent die Dirigiertechnik beherrschen. Er will etwas
mitteilen, Emotionen schüren. Wenn ein Stück technisch ist, muss er auch
technisch dirigieren. Kissóczy schaut sich die Form des Stücks genau an,
er geht von den einzelnen Stimmen aus und trifft klangliche und
technische Entscheidungen: vom Grossen ins Kleine und wieder ins Grosse,
wie bei einem Puzzle, ohne dabei den Horizont zu verlieren. Man macht
sozusagen die ganze Arbeit gleichzeitig und gibt dem Ganzen eine
Richtung, einen Sinn.
Wie sind Ihre Erfahrungen, wie arbeiten Sie mit Solisten zusammen?
Für Marc Kissóczy ist Teamarbeit das Wichtigste, das gemeinsam an einer
Sache arbeiten, möglichst den Solisten kennenlernen und mit ihm und dem
Stück verschmelzen. Es ist mit jedem Solisten wieder anders.
Vietnam-Projekt
Auf Anfrage von Pro Helvetia hat Marc Kissóczy in Vietnam ein Orchester,
das „Vietnam National Symphonie Orchestra“ aufgebaut, was eines seiner
interessantesten Projekte sowohl hinsichtlich kultureller als auch
menschlicher Aspekte war. Wohl war es am Anfang ein Kulturschock – es
gab auch nur einen einzigen Flügel, der immer auf umständliche Art und
Weise transportiert werden musste. Es waren alles Berufsmusiker, aber
deren Einkünfte reichten nicht, um davon zu leben. So übten sie alle
neben der Musik noch einen weiteren Beruf aus. Ihre grosse Liebe galt
aber der Musik, sie haben alle mit Eifer mitgemacht und bei 40 Grad
Celsius gespielt – ihnen allen gebührt Kissóczys grösster Respekt. Er
reiste zirka 14 Mal nach Vietnam, hat Leute aus Schweizer Orchestern
mitgenommen, Kompositionsaufträge erteilt und Tourneen gemacht.
Der Lehrer Marc Kissóczy
Einen grossen Teil seines Lebens verbringt Marc Kissóczy mit Lehren, was
er heiss liebt. Wieder ist er zufällig dazu gekommen. Als er an der
Musikhochschule damit begonnen hatte, hat er gemerkt, dass es für ihn
immer wichtiger wird. Kissóczy findet es schön zu schauen, wie sich
Studenten entwickeln und man bekommt so viel zurück, wie er betonte.
Egal ob Einzelunterricht oder in Gruppen – für Kissoczy ist das
Unterrichten ein Lebenselixier geworden, er möchte es auf keinen Fall
aufgeben.
Welches sind die Problematiken an den Musikhochschulen?
Zielsetzung der Musikhochschulen ist es, Lehrer auszubilden,
Orchesterleute und Berufsmusiker, die auch solistisch tätig sind. In den
letzten Jahren ist die Ausbildung viel diversifizierter und
praxisorientierter geworden. Das Musikbusiness ist jedoch sehr hart
geworden. 80 Prozent oder mehr wählt nach der Ausbildung einen anderen
Beruf. Schön wäre, wenn innerhalb einer Musikhochschule Talente sofort
gefördert würden, denn genau dort geht wertvolle Zeit verloren.
Wie denken Sie über Meisterkurse?
Marc Kissóczys Erfahrung ist, dass Studenten nach Meisterkursen ziemlich
geschafft, aber viel stärker geworden sind. Meisterkurse können eine
langanhaltende Wirkung haben, besonders wenn sie weg vom normalen Alltag
stattfinden – was mit der Lenk natürlich der Fall ist. Kissóczy betont,
dass sein Empfang an der Lenk besonders herzlich war – sozusagen eine
grosse Familie. Er freut sich, nächstes Jahr anlässlich des
30-Jahr-Jubiläums der Sommer-Akademie Lenk mit der Camerata Zürich und
Solisten der Akademie ein Konzert an der Lenk zu geben.